|
Die 'Bergjuden' in Aserbaidschan
Wer glaubt, deutsche Außenpolitik wird ausschließlich im dafür zuständigen Ministerium gemacht, irrt. Denn in die Außenbeziehungen Deutschlands sind verschiedene und auch sehr unterschiedliche Institutionen und Akteure direkt und indirekt eingebunden. Das Entwicklungsministerium, die Handelskammern, die Kirchen, Menschen- und Bürgerrechtsgruppen und nicht zuletzt die sechs Politischen Stiftungen (Friedrich Ebert Stiftung, Konrad Adenauer Stiftung, Friedrich Naumann Stiftung, Heinrich Böll Stiftung, Hans Seidel Stiftung, Rosa Luxemburg Stiftung). Als Grenzgänger zwischen Gesellschafts- und Staatenwelt spielen sie in den Beziehungen zu den Transformations- und Entwicklungsländern eine Rolle, die in der deutschen Öffentlichkeit wenig bekannt und wenn bekannt, zumeist unterschätzt wird. Heinrich Bergstresser hat sich kürzlich im Südkaukasus über die Arbeit der Friedrich Naumann Stiftung informiert. Interkultureller Dialog und Demokratieförderung stehen im Zentrum der Arbeit. Die
jüdische Minderheit in Aserbaidschan nimmt Teil an diesem Dialogprogramm, dessen Besonderheit weit über die Kaukasus-Region hinausstrahlt.
Aserbaidschan ist ein islamisches Land. Aber im Alltag sucht ein ausländischer Besucher vergeblich nach den klassischen Symbolen. Zwar ragen vereinzelt Minaretts in den Himmel der Hauptstadt Baku, aber weder sind die Lautsprecher verstärkten Aufrufe des Muezzin zum Gebet zu hören, noch die zur Gebetszeit sich gen Mekka verneigenden Gläubigen am Straßenrand oder an den öffentlichen Plätzen zu sehen. Vielmehr ähnelt das Straßenbild mehr einer westlichen Stadt, und auch im ländlichen Raum ist von einem islamischen Staat im Grunde nichts zu spüren. Aserbaidschan ein säkulares Land? Durchaus: Die wahrscheinlich einzige positive Hinterlassenschaft der Sowjetunion. Und wenn man führenden Vertreter der jüdischen Minderheit von mehr als 30 000 Juden zuhört - könnte man glauben, ein Paradies zu besuchen, in dem religiöse Minderheiten wie die Juden die gleichen Rechte und Pflichten haben wie das Mehrheitsvolk der muslimischen Aserbaidschaner. Diese Vorstellung ist gar nicht so weit hergeholt.
Denn seit mehreren hundert Jahren leben Juden weitgehend unbehelligt in dieser Region. Und alle Religionsgruppen haben nach der Unabhängigkeit Aserbaidschan ihren von den Sowjets enteigneten Grund und Boden zurückerhalten. Kein Wunder, dass die jüdische Gemeinde wächst, wie Larissa Reikhrudel von der jüdischen Frauenorganisation stolz betont:
"Aserbaidschan empfängt sie mit Wärme und Herzlichkeit. Aserbaidschan ist die Heimat sehr vieler Juden. Und daher kommen Juden aus Amerika, aus Europa, aus Deutschland - sie alle kommen hierher. Und außerdem gibt es nirgendwo auf der Welt einen so einmaligen Ort wie Krasnaja Sloboda, wo Juden so dicht zusammenleben und auf diese Weise ihre Traditionen wahren, so dass jedermann von uns lernen kann."
Das jüdische Viertel Krasnaja Sloboda gehört zur Stadt Guba. Die Grenze zu Dagestan liegt nur 50 km weiter nördlich. Seit nunmehr 270 Jahren besteht diese jüdische Gemeinde, die alle Wirren der Zarenzeit, der Oktoberrevolution und den Zusammenbruch der Sowjetunion relativ unbeschadet überstanden hat. Sie selbst nennen sich "Bergjuden" - im Unterscheid zu den "Aschkenasischen Juden" und den "Sephardischen Juden". Das geistliche Oberhaupt Boris Simanduev sieht in der strikten Trennung von Staat und Religion einen wesentlichen Grund für das friedliche Zusammenleben. Und er trägt - wann immer möglich - das Beispiel Guba und Aserbaidschan auch den Israelis und Palästinensern vor.
"Wenn ich an internationalen Foren teilnehme, wenn von Freundschaft verschiedener Nationalitäten gesprochen wird, die verschiedenen Religionen angehören, dann nenne ich die Freundschaft des aserbaidschanischen und des jüdischen Volkes als Beispiel und sage ihnen, während im Nahen Osten Palästinenser gegen Israelis kämpfen, kommt her und übernehmt die Erfahrung, dass wir in Frieden und Freundschaft mit dem aserbaidschanischen Volk leben."
In Aserbaidschan, aber auch in den beiden Nachbarländern Georgien und Armenien träumen viele Menschen nach wie vor einen alten Traum, den Traum von Europa. Nach Meinung von Wolfgang John, Projektleiter der Friedrich Naumann Stiftung im Südkaukasus, ist dieser Traum keineswegs irreal, auch wenn sich das Interesse der EU - trotz neuer Überlegungen zur Sicherheitspolitik in dieser Region und in Zentralasien - noch in Grenzen hält.
"Zur Zeit gibt es aus meiner Sicht immer noch zu wenig Beachtung für diese wichtige Region, die ja Europa und Asien verbindet, die auch ganz entscheidende Bedeutung hat als Durchgangsländer für den Austausch - sowohl Wirtschaftsaustausch als auch den kulturellen Austausch mit Asien, die Wiederbelebung der alten Seidenstraße, um die man sich ganz intensiv bemüht, auch gemeinsam mit der Europäischen Union. Und ich denke, dass es hier gute Grundlagen gibt, um die weitere Zusammenarbeit zu intensivieren."
Heinrich Bergstresser, Deutsche Welle
|